Faszinierender Horn- und Glockenklang

 
Überzeugender Auftritt: Hornist Marc Gruber und das Orchester Collegium Musicum unter Leitung von Arndt Heyer beim Schlosskonzert im kleinen Saal der Aschaffenburger Stadthalle. ⋌Foto: Melanie Pollinger

Überzeugender Auftritt: Hornist Marc Gruber und das Orchester Collegium Musicum unter Leitung von Arndt Heyer beim Schlosskonzert im kleinen Saal der Aschaffenburger Stadthalle. ⋌Foto: Melanie Pollinger

 

MELANIE POLLINGER | MainEcho


ASCHAFFENBURG. Ein Fest für die Streicher, bei dem ein Hornvirtuose und ein hervorragender Glockenspieler faszinierende Akzente setzten, war das zweite Schlosskonzert des Collegium Musicum am Sonntagabend. Zur Erleichterung der 175 Besucher und sicher auch der Musiker war das Konzert wegen der großen Hitze in den kleinen Saal der Stadthalle verlegt worden.

Der 1993 geborene Marc Gruber ist Solo-Hornist beim HR-Sinfonieorchester Frankfurt und gewann 2016 den zweiten Preis und Publikumspreis beim internationalen ARD-Musikwettbewerb. Auch in der Stadthalle betörte Gruber die Zuhörer mit seinem ansatzlos weichen und nuancenreichen Spiel im Konzert für Horn und Orchester Nummer 3 in Es-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791).


Verführerische Zartheit


Verführerische Zartheit wechselte mit frischem Elan im ersten Satz Allegro. In der folgenden Romanze kam der Hornklang – den Gruber mit dem »Stopfen« des Schalltrichters per Hand modulierte – der lyrischen menschlichen Singstimme zum Greifen nah. In vollendeter Harmonie interagierte der Solist mit dem um je zwei Klarinetten und Fagotte erweiterten Streichorchester auch im dritten Satz, einem koketten Allegro mit Jagd-Kolorit.

Für gefühlsstarke Momente sorgte die Streicher-Auswahl des Collegium Musicum auch mit den übrigen Stücken des Abends unter Leitung von Arndt Heyer. Der ehemalige Geiger des HR-Sinfonieorchesters hatte seinen ersten öffentlichen Auftritt als Dirigent des semiprofessionellen Aschaffenburger Orchesters. Die Chemie stimmte auf Anhieb.

Bei der »Serenade nach schwedischen Volksmelodien« von Max Bruch (1838 bis 1920) konnten die Musiker in skandinavischer Melancholie und Kühnheit schwelgen. Bruch hatte als Vorlage für den ersten und fünften Satz den Krönungsmarsch des Schwedenkönigs Karl VII. (um 1700) verwendet, der allenfalls verhalten fröhlich, aber sehr feierlich wirkt. Im zweiten und vierten Satz sind traditionelle schwedische Liebeslieder verarbeitet, voller Sehnsucht und Zärtlichkeit. Ein Tanz aus der Provinz Dalama kam im Mittelsatz zu Ehren. Elegant und mit intuitiv übereinstimmender Präzision setzte ihn das Orchester um.

Wie perfekt das Ensemble aufeinander eingespielt ist, bewies es mit dem »Cantus in memoriam Benjamin Britten« des 1935 geborenen estnischen Komponisten Arvo Pärt. Das 1977, ein Jahr nach dem Tod des englischen Komponisten Britten, entstandene Stück ist eine Art narkotisierende, aber sehr anspruchsvolle »Minimal Music« für Glockenspiel und Streicher. Schlagzeuger Mario Stockinger brachte den auf den Grundton A gestimmten Metallstab rhythmisch zum Klingen, und das strahlende Vibrieren wirkte wie der magische Kristallisationspunkt für die absteigenden a-moll-Tonleitern, Dreiklänge und schwebenden Dauertöne der Streicher. Geigen, Bratschen, Celli und Bässe formten einen endlos scheinenden Kanon, so wohlklingend, ruhig und tief wie ein glücklicher Traum.

Um einiges wilder waren die Träume in der Suite »Aus Holbergs Zeit« von Edvard Grieg (1843 bis 1907), die das Konzert würdig beschloss. Sie führte zurück in die Zeit des norwegischen Nationaldichters Ludvig Holberg, der auch »Molière des Nordens« genannt wird. Das Publikum genoss den musikalischen Reigen in vollen Zügen: einen Abglanz des Barock, in dem auch kurz Bachs »Air« aufschimmerte, bittersüße langsame Tänze und viel Liebesseufzen, eingerahmt von atemloser Mittelalter-Feststimmung.








Carsten Schumacher