Bewegung, Klang und Licht

Foto: Medienhaus Main-Echo /  Melanie Pollinger

Foto: Medienhaus Main-Echo / Melanie Pollinger

ASCHAFFENBURG. Magisch schillernde und kraftvoll pulsierende Sinfonieorchester-Klänge, umgesetzt in packenden Ausdruckstanz vor märchenhafter Lichtkulisse: Ein Fest für Augen und Ohren war die Veranstaltung »Rhythm in Concert« des Philharmonischen Vereins Aschaffenburg am Samstag in der Stadthalle.

Die rund 1000 Besucher ließen sich fasziniert mittragen vom Schwung und der atemberaubenden Perfektion, mit der das Tanztheater Heeg, die Tanzcompagnie des Dalberg-Gymnasiums und das Orchester Collegium Musicum unter Leitung von Michael Millard bei der Sache waren. Es machte den besonderen Reiz des Abends aus, dass viel gegen den Strich Gebürstetes und atonal Schräges auf dem Programm stand.

Moderator Christopher Miltenberger, Professor an der Hochschule für Musik in Mainz und bekannt als Mann am Lagerfeuerklavier, stellte die einzelnen Werke vor, die vor rund 100 Jahren als Manifestationen der musikalischen Avantgarde entstanden waren. Miltenberger machte in kurzen Gesprächen mit den Ausführenden auch die immense Arbeitsleistung greifbar, die hinter dem Großprojekt steckte, mit dem der Philharmonische Verein mehr junge Menschen für klassische Musik begeistern wollte. Mit Erfolg, wie die Reaktion der jungen Besucher zeigte.


Schwelgen in Tondichtung


Wer die klassische Moderne liebte, konnte schwelgen in der pulsierend kontrastreichen Wiedergabe der Tondichtung »Ein Amerikaner in Paris«, die George Gershwin 1928 in der französischen Hauptstadt geschrieben hatte, und von Maurice Ravels »Bolero«, der im selben Jahr an der Pariser Oper uraufgeführt wurde. Beide Stücke gab es ohne Tanzdarbietung. Doch auch sie wurden zum spannenden Erlebnis, besonders für Besucher mit Blick aufs Orchester.

Das wandlungsfähige Collegium Musicum trat in großer und teils ungewöhnlicher Besetzung auf. Neben Glockenspiel, Harfe, Bassklarinette und Kontrafagott gab es vier alte Autohupen. Die mussten bei Gershwins Pariser Rhapsodie bedient werden, um dem akustischen Gewimmel auf den Straßen der Weltstadt mit lautem Getröte den besonderen Kick zu geben.

Für den »Bolero« bereitete Miltenberger das Publikum mit einer Sprech- und Klatschübung auf den eigentümlichen Rhythmus des 250 Jahre alten spanischen Volkstanzes vor. 16 Minuten lang wird er vom Schlagzeug unbeirrt durchgehalten, narkotisierend gleichförmig zu verführerischen Melodien, die sich umschlingen und immer lauter und komplexer werden bis zum orgiastischen abrupten Schluss.

Schwer zu sagen, welches Ballett am schönsten war am Samstagabend. Jeder der drei Tanzauftritte war in seiner Art beeindruckend. Zu Beginn entführte das von Sonja Heeg geleitete Tanztheater Heeg mit einer selbst erarbeiteten Choreografie zur 1920 in Paris uraufgeführten Orchesterfantasie »Le Boeuf sur le toit« von Darius Milhaud nach Brasilien.


Junge und uralte Paare



Vor der Kulisse einer Bar »erzählten« die Tänzerinnen – zu rasanter Musik voller Tempo- und Tonartwechsel – eine Geschichte von jungen und uralten Paaren, von Verliebten und Eifersüchtigen, vom Vamp und dem zwielichtigen Macho, von Spitzbuben, Schlägertypen und einer patenten Kellnerin.

In faszinierend surrealistische Bilder übersetzte das Tanztheater Heeg die Programmmusik »Der Zauberlehrling« von Paul Ducas nach der gleichnamigen Goethe-Ballade. Aus einem Guss waren Orchesterklang, Licht und dynamische Bewegung. Blaugekleidete Tänzerinnen machten die vom kleinen Zauberlehrling – die beiden jungen Darstellerinnen haben sich ein Sonderlob verdient – entfesselten Wasserfluten greifbar. Zum Hämmern und Näseln der Fagotte lieferte die Besen-Formation einen exquisiten Spitzentanz.

Krönender Schlusspunkt des Abends war die Feuervogel-Suite von Igor Strawinsky. Die Tanzcompagnie des Aschaffenburger Dalberg-Gymnasiums unter Leitung von Christine Fischer hatte allerdings nicht auf die Märchenhandlung des 1919 in Paris mit Riesenerfolg uraufgeführten Balletts zurückgegriffen, sondern eine komplett neue Choreografie erarbeitet. In dieser nicht erzählerischen, sondern »abstrakten« Interpretation von Stimmungen und Befindlichkeiten steckte das geballte Können des zweimaligen deutschen Meisters im Künstlerischen Tanz.

Im Nebel unter kaltem blauem Himmel kauerten zum Klang der mystischen »Introduktion« Gestalten auf dem Boden. Dann der »Tanz des Feuervogels« zu glitzernden Klangkaskaden: eine synchrone Meisterleistung des brillant agierenden Orchesters und der in feuriges Gelb, Orange und Rot gekleideten Truppe.

Der Kontrast zwischen Katscheis wildem Höllentanz – kämpfende und rennende Figuren in Schwarz vor glühend rotem Hintergrund – und dem langsamen Reigen der Prinzessinnen zu einer traurigen russischen Volksweise hätte nicht krasser sein können.

Triumphal wie Glockenläuten beim russischen Osterfest kam das Finale daher, und das Publikum kannte kein Halten mehr vor Begeisterung beim Schlussapplaus.

Carsten Schumacher