Tanz den Feuervogel

 
Foto: Medienhaus Main-Echo /  Petra Reith

Foto: Medienhaus Main-Echo / Petra Reith

 

Redakteur: Alexander Bruchlos

HÖSBACH/ASCHAFFENBURG. Es ist keine Kuschelmusik, die Igor Strawinsky vor einem Jahrhundert unter dem Titel »Der Feuervogel« komponiert hat: Wogende harmonische und dissonante Klangwellen werden wiederholt von wuchtig-schrillen Bläserkaskaden aufgerissen. 25 Schüler des Hösbacher Hanns-Seidel-Gymnasiums (HSG) nähern sich der vielschichtigen Komposition auf eine ganz besondere Weise. Unter Anleitung von Musikpädagogin Marleen Kiesel entwickeln die Schüler zu Strawinskys Musik aus dem Stegreif Bewegungsabläufe und kleine spontane Choreografien. Die 24 Jahre alte Aschaffenburgerin, die an der Uni Würzburg Musik auf Lehramt studiert und an der Oper in Graz neue Wege der Musikvermittlung kennenlernte, hat eine ganze Reihe von Aufgaben vorbereitet. Diese helfen, Strawinskys Meisterwerk der Klassischen Moderne Stück für Stück auf ungewohnte Weise zu erleben. Je nach Vorgabe kauern die jungen Leute zu bedrohlichen Musikpassagen schutzsuchend auf dem Boden oder sie heben zu euphorischen Klängen als menschliches Fluggerät ab.

Neuer Zugang zur Musik

»Es ist eine neue Art der Musik Vermittlung«, sagt Christine Fischer, die an dem schulübergreifenden Projekt des Philharmonischen Vereins ebenfalls beteiligt ist. Sie ist eigentlich Lehrerin und Tanzgruppen-Leiterin am Aschaffenburger Dalberg-Gymnasium. Tanz und Bewegung bieten laut Fischer einen neuen Zugang zur klassischen Musik. Neben dem HSG beteiligen sich zwei neunte Klassen der Maria Ward-Schule, zwei zehnte Klassen des Kronberg-Gymnasiums und eine elfte Klasse des Dalberg-Gymnasiums an dem Projekt. Insgesamt 120 Schüler machen mit. Höhepunkt der Workshops ist der Besuch der Generalprobe der Veranstaltung »Rhythm’n’Dance« am 27. Oktober in der Aschaffenburger Stadthalle. Dort wird unter anderem eine getanzte »Feuervogel-Suite« mit Live-Orchestermusik des Collegium Musicum aufgeführt. Die jungen Workshop Teilnehmer werden dann als Zuschauer zwar nur im Publikumssessel sitzen. Doch sie werden sich an die tänzerischen Aspekte des Workshops erinnern, ist Kiesel sicher: »Wenn man sich körperlich mit Musik beschäftigt hat, erlebt man sie intensiver.«

Musik sichtbar machen

»Durch Bewegung wird die Musik sichtbar gemacht«, sagt Christine Fischer, die seit vielen Jahren überregional erfolgreiche Schüler-Tanzgruppen am Dalberg Gymnasium leitet. Ihr jahrgangsübergreifendes Ensemble mit Schülern von der 6. bis 12. Jahrgangsstufe wird am 27. Oktober seine über Monate erarbeitete moderne Choreografie zur Feuervogel-Suite auf die Bühne bringen. Initiiert wurden sowohl die Workshops als auch die Tanz- und Konzertreihe »Rhythm’n’Dance« vom Philharmonischen Verein Aschaffenburg. »Unser Ziel ist es, jungen Leuten die Welt der Klassik zu erschließen«, erläutert der Vorsitzende Carsten Schumacher. Die Dokumentation »Rhythm is it«, ein musikalisches Tanz-Projekt der Berliner Philharmoniker und ihres Chefdirigenten Simon Rattle, habe ihn auf die Idee gebracht, junge Leute am Untermain mit Hilfe des Tanzes an die klassische Musik heranzuführen. »Rhythm is it« begleitet 250 Kinder und Jugendliche aus 25 Nationen. Im Film proben sie unter Anleitung des Tanzpädagogen Royston Maldoom die Auf führung von Igor Strawinskys Ballett »Le sacre du Printemps«. Das Konzept funktioniert nicht nur im Film. Auch die Workshops kommen an, wie die Ungezwungenheit und Spontaneität der HSG-Schüler beim tänzerischen Musikerleben belegen. Vielleicht löse der eine oder andere ja nach der Generalprobe ein Ticket für die Aufführung am Abend, hofft Carsten Schumacher. Bei »Rhythm’n’Dance« sind zudem Choreografien zu Werken von Darius Milhaud, Maurice Ravel, Paul Abraham Dukas und George Gershwin zu sehen und zu hören.

Carsten Schumacher