In glückliche Gesichter schauen

 
Foto: Medienhaus Main-Echo /  Stefan Gregor

Foto: Medienhaus Main-Echo / Stefan Gregor

 

Redakteur: Stefan Reis

ASCHAFFENBURG. Oper, Operette, Musical: Eine musikalische Welt- und Zeitreise soll es werden, wenn der Philharmonische Verein Aschaffenburg am 23. Februar in der Stadthalle zu seinem traditionellen »Champagner Musicale« lädt – erneut in Kooperation mit der Oper Frankfurt. Zur Moderation von Anna Ryberg bringt das Collegium Musicum unter Leitung von Michael Millard Ausschnitte aus Gioachino Rossinis (1792 bis 1869) »Barbier von Sevilla«, Georges Bizets (1838 bis 1875) »Carmen«, Domenico Gaetano Maria Donizettis (1797 bis 1848) »Don Pasquale«, Frederich Loewes (1901 bis 1988) »My Fair Lady« und Leonard Bernsteins (1918 bis 1990) »West Side Story« sowie Stücke von John Philipp Sousa (1854 bis 1932), Eric Francis Harrison Coates' (1886 bis 1957), Johann Strauß I (1804 bis 1849) und Johann Strauß II (1825 bis 1899). 

Champagner Musicale 2019 steht unter dem Motto »Musikalische Weltreise«, Sie verbinden Oper, Operette, Musical. Das kann den Einstieg in die Genres erleichtern – kann aber beim Publikum auch den Eindruck von Beliebigkeit erzeugen.
Anna Ryberg:

Ein solches Konzert soll zunächst einmal für das Publikum eine schöne Atmosphäre zu schaffen. Kunst sollte nicht nur für ausgewiesene Kenner da sein. Mit unserer musikalischen Weltreise bei Champagner Musicale sprechen wir sicherlich viele Geschmäcker an – aber insgesamt bieten wir dem Publikum die Möglichkeit, Neues zu entdecken. Seien wir doch nicht immer so verkopft, sehen wir dieses Konzert einfach als wunderbare Gelegenheit, sich unterhalten zu lassen und die Zeit zu genießen.
Carsten Schumacher: Champagner Musicale ist eines unserer Traditionskonzerte. Seit 25 Jahren führen wir eine Woche vor Faschingsbeginn Ausschnitte von Opern, Operetten und Musicals auf. In diesem Jahr werden die Zuschauer zu den Schauplätzen der jeweiligen Programmstücke geführt. Die musikalische Welt- und Zeitreise wird dabei durch Videosequenzen visualisiert.


Sie sprechen den Aspekt der Unterhaltung an: Der Bereich Klassik öffnet sich wie die gesamte Kultur- und Kunst-Szene immer stärker dem Event. Erreichen Sie das Publikum nicht mehr durch die Qualität des Genres? Haben Veranstalter und Künstler Angst vor der eigenen Courage?
Anna Ryberg:

Jede Form klassischer Musik ist wunderbar. Schauen Sie sich die Geschichte der Oper an, das ist phänomenal. Dennoch ist es so, dass jeder Mensch Musik anders empfindet. Also versuche ich, möglichst vielen Menschen möglichst viel von der Schönheit der Musik mitzugeben. Unterhaltung bedeutet wahrlich nicht seichtes Präsentieren. Unterhaltung kann auf so himmelhochjauchzende wie tieftraurige Weise berühren. Und beides empfinden wir Menschen als »schön«. Und Gesang und Musik live – das ist doch die perfekte Berührung! Champagner Musicale also ein Konzert von hoher Qualität, in dem ich mich als Zuhörer einfach verlieren darf. Eine einzige Bitte habe ich an die Zuhörer: Seien Sie neugierig! Und wenn jeder nur ein einziges Lied summt, nachdem das Konzert schon lange vorbei ist: Was gibt es Besseres?


Carsten Schumacher:

... und wir wollen unsere Besucher überraschen. Rossinis Barbier von Sevilla wurde vor 203 Jahren uraufgeführt. Wir präsentieren diese Musik zeitgemäß mit den medialen Möglichkeiten unserer Zeit.


Anna Ryberg:

Gerade bei jungen Menschen erlebe ich manchmal eine gewisse Hemmschwelle vor klassischer Musik. Wie bewege ich mich in dieser Welt, was muss ich anziehen, wann darf ich applaudieren, wann meine Gefühle zeigen? Solche Fragen bekomme ich oft zu hören – und das von Menschen, die sich im Kino, bei Pop- und Rock-Konzerten exakt die gleichen Fragen nicht stellen, sondern sich ganz selbstverständlich bewegen. Diese Grenze müssen wir brechen, das wollen wir auch. Es gibt diese vollkommen falsche Vorstellung, im klassischen Konzert müsse man still sitzen und dürfe erst am Ende der Vorstellung applaudieren. Falsch, wir Künstler wollen vom Publikum die Resonanz. Wir freuen uns über spontane Gefühlsbezeugungen, über den Beifall. Denn dann wissen wir: Das Publikum ist dabei, ist mit uns. Wenn ich bei Champagner Musicale während der Vorstellung in glückliche Gesichter schaue, dann bin ich auch glücklich – und ich werde versuchen, das Publikum zum Mitmachen zu bewegen.

 » Die Menschen wollen 
das Live-Erlebnis, 
die Unmittelbarkeit erleben. «
Carsten Schumacher, Klassik-Begeisterter

Kinos erleben einen Run bei stundenlangen Live-Übertragungen von Opern aus der New Yorker Met. Noch einmal: Sind Veranstalter möglicherweise zu ängstlich, was Anspruch und Belastbarkeit des Publikums angeht?
Anna Ryberg:

Nein, Oper wird immer theatralisch sein – und dafür wird sie ja auch vom Publikum geliebt. Aber: Oper ist auch progressiv. Die Kompositionen eines Monteverdi beispielsweise sind zwar Jahrhunderte alt – und dennoch kann ich auf der Bühne die Oper dazu ganz modern erzählen. Das ist doch das Spannende an Oper, auch die Zukunft wird immer von einem Wow-Effekt dieses Genres geprägt sein.


Carsten Schumacher:

Es ist ja auch nicht so, dass wegen der Kino-Übertragungen weniger Menschen in die Opern selbst gehen – das Gegenteil ist der Fall. Im Grunde ist es wie beim Fußball: Bei den Spielen sind die Stadien voll, obwohl wir im Fernsehen Fußball jeden Tag sehen können. Und dennoch wollen die Menschen das Live-Erlebnis, die Unmittelbarkeit erleben. Im Kino habe ich die Möglichkeit, mir eine Oper aus New York anzusehen und lasse mich dadurch möglicherweise motivieren, mir danach eine Oper in Frankfurt live anzusehen.


Anna Ryberg:

Oper ist so groß, und man muss wahrlich nicht alles an Oper lieben. Aber man findet ein Tor, das sich öffnet – und ist von dem, was sich dahinter verbirgt, überwältigt.

 » Karriere machen die,
die am meisten Hunger 
auf ihr Fach entwickeln.  «
Anna Ryberg, Klassik-Expertin

Frau Ryberg ist im Bereich Musiktheaterpädagogik sehr engagiert: Wenn Institutionen wie der Philharmonische Verein Aschaffenburg seine Angebote nutzt, um vor allem Jugendliche anzusprechen, dann ist das sicherlich vor dem Hintergrund, sich perspektivisch neues Publikum zu erschließen. Es ist aber möglicherweise auch eine Aussage über die Bildungspolitik in diesem Land.


Carsten Schumacher:

Es gibt an den Schulen in der Regel einmal pro Woche Musikunterricht. Die Möglichkeiten, klassische Musik kennenzulernen sind also limitiert. Andererseits ist der Einfluss auf den Musikgeschmack außerhalb der Schule enorm. Jugendliche hören eigentlich permanent populäre Musik. Im letzten Jahr haben wir daher erstmals einen Workshop und eine öffentliche Generalprobe für Gymnasien angeboten. Diese Angebote wollen wir auf alle Schulformen ausweiten. Im Herbst werden wir Peter und der Wolf von Prokofjew aufführen. Wir haben insgesamt 22 Schulen aus dem Raum Aschaffenburg dazu eingeladen. Wir wollen uns auch gegenseitig die Bälle zuwerfen. Einige Musiklehrer besuchen mit ihren Klassen schon heute Workshops der Frankfurter Oper: Diesen Schülern und Lehrern machen wir zusätzliche Angebote. Zusätzlich werden wir ab 2020 – gemeinsam mit der Stadt – im Stadttheater eine Oper für Kinder für Schulen und für junge Familien anbieten.


Champagner Musicale läuft in Zusammenarbeit mit dem Opernstudio Frankfurt. Wie ist denn generell die Entwicklung im Opern-Fach, was Nachwuchs anbelangt?

Anna Ryberg: Die Nachfrage ist enorm. Es gibt jährlich 500 bis 600 Bewerbungen aus aller Welt um einen Platz im Opernstudio. Wer einen der wenigen Plätze erhält, bekommt über einen Zeitraum von zwei Jahren die Möglichkeit, sich auf die heutige Musiktheaterpraxis vorzubereiten.


Und eine Karriere an der Oper bedeutet Weltruhm, internationale Engagements, Preise und Auszeichnungen und vor allem: ein hervorragendes Einkommen?
Anna Ryberg:

Das wäre schön. Es gibt sehr viele gute Sängerinnen und Sänger. Karriere machen in der Regel die, die am meisten Hunger in ihrem und auf ihr Fach entwickeln. Wer Erfolg haben will, muss bereit sein zu reisen, muss sich ganz und gar auf die Kunst konzentrieren, muss exzellent sein in seinem Können. Es reicht nicht länger, nur hervorragend singen zu können im Opern-Fach. Wer hier Erfolg haben will, muss auch tanzen können, muss schauspielern, muss mehrere Sprachen beherrschen. Man muss sich im Klaren darüber sein, dass Oper und Musical immer mehr zusammenrücken, also in beiden Sparten versiert sein. Das macht unglaublich viel Spaß, wenn der Beruf als Berufung verstanden wird. Und trotzdem: Man muss auch das Glück haben, die richtigen Kunst-Treibenden kennen zu lernen und einen guten Einstieg in die Opernwelt ergattern – und das bedeutet: Man muss weltläufig sein – Australien, Neuseeland, Kanada, Amerika, Südkorea, aus diesen Nationen kommen die Künstler des Abends.


Carsten Schumacher:

Aufgrund des hohen Ausbildungsstandes sind unsere Konzerte mit dem Opernstudio auf einem qualitativ hohen Niveau. Das ist auch notwendig, weil das Publikum generell anspruchsvoll ist. Es kennt die Top-Produktionen aus Film und Fernsehen und hört auf Tonträgern exzellente Aufnahmen. Dieser Anspruch spornt uns alle an, bei Champagner Musicale die Erwartungen unseres Publikums zu erfüllen und mit Neuerungen und frischen jungen Künstlern zu überraschen. Wenn dann jemand sagt: »Wow – das hätte ich bei einem so jungen Künstler nicht erwartet!« – Dann sind wir zufrieden!


Champagner Musicale: Samstag, 23. Februar, 19.39 Uhr, Stadthalle Aschaffenburg

Carsten Schumacher