Gegenpol zu neuen Medien

 
Foto: Medienhaus Main-Echo /  Stefan Gregor

Foto: Medienhaus Main-Echo / Stefan Gregor

 

Redakteur: Stefan Reis

Aschaffenburg. 77 Orchestermitglieder, 150 Tänzer: “Rhythm in Concert” des Philharmonischen Vereins am Samstag dem 27. Oktober, in der Stadthalle Aschaffenburg ist nicht nur der Zahl der Künstler wegen eine ungewöhnliches Projekt. Auf der Bühne finden sich erfahrene Musiker und Jugendliche von Aschaffenburger Schulen, die gemeinsam das Programm bestreiten.

Zudem eröffnet der Verein seine Generalprobe für teilnehmende Schulen und vermittelt das Besondere der Musik in einer Podiumsdiskussion. Ein Programmpunkt von Rhythm in Convert, war dazu Gegestand von Workshops an Schulen. Caresten Schumacher, neuer Vorsitzender des Philahrmonischen Vereins, und Michael Millard als Leiter des Collegium Musicum sehen darin eine Möglichkeit, Jugendliche nachhaltig für klassische Musik zu interessieren.

Ein neuer Vorstand hat sicherlich neue Vorstellungen, wohin soll sich seine Institution entwickeln soll.

Carsten Schumacher:

Im bisherigen Vorstand war ich ja bereits zehn Jahre Zweiter Vorsitzender. Die bestehenden, erfolgreichen Konzertformate bleiben natürlich bestehen. Schwerpunkt des neuen Vorstandes ist es, die Jugend-Kulturförderung weiterzuentwickeln um insbesondere die junge Generation für unsere Konzerte zu begeistern.

Und wie kann das gelingen?

Carsten Schumacher:

Indem wir versuchen, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Für das Konzert Rhythm in Concert bieten wir beispielsweise den Schülern der Aschaffenburger Gymnasien und dem Hanns-Seidel-Gymnasium an, an der Generalprobe teilzunehmen. Bereits im vergangenen Schuljahr haben wir mit den Schulen vereinbart, dass Der Feuervogel im Unterricht der 9. bis 11. Klassen thematisiert wird. Aktuell werden in jeder dieser Schulen zweistündige Workshops durchgeführt. Hier wird demonstriert, wie sich Musik in Bewegung umsetzen lässt. So vorbereitet werden etwa 200 Jugendliche die Generalprobe des Feuerfolges erleben. Im Anschluss findet mit allen Beteiligten eine Podiumsdiskussion statt.

Das klingt aufwendig. Kann ein Verein solche Projekte auf Dauer aus eigener Kraft stemmen?

Carsten Schumacher

Wir können solche Projekte nur im Team umsetzen. Der gesamte Vorstand des Philharmonischen Vereins arbeitet aktiv mit. Wir haben zudem einen Beirat mit namhaften Persönlichkeiten gebildet, der eine starke Stütze ist. Die Workshops werden von einer der Choreographinnen geleitet, die auf diesem Gebiet bereits Erfahrung hat. Wir werden auch künftig immer wieder Personen finden müssen, die bereit sind, sich zu engagieren, damit wir dieses vergleichsweise große Rad drehen können. Gerne wollen wir die Jugendarbeit intensivieren und suchen dafür Mitstreiter.

Sie sprechen das persönliche Engagement an - solche Projekte kosten aber auch Geld.

Carsten Schumacher

Die kommende Veranstaltung mit fantastischer Musik des klassischen Moderne erfordert einen großen Orchesterapparat. Auf der Bühne befinden sich 77 Musiker. Es kommen über 150 Tänzer zum Einsatz. Wir sind daher froh, dass wir aktuell 23 Kuratoren haben, die den Verein beraten und maßgeblich finanzieren. Zusätzlich werden wir durch Sponsoren finanziert und - wie alle Vereine - durch die Stadt unterstützt. Das ermöglicht uns letztlich, solche Angebote machen zu können

Lassen sich Jugendliche für solche Projekte für klassische Musik begeistern?

Michael Millard

Unbedingt - das zeigt die Erfahrung. Orchester müssen sowieso diesen Weg gehen. Die Kinder und Jugendlichen von heute sind das Publikum von morgen. Durch die neuen Medien, durch soziale Netzwerke, gibt es so viele verlockende Beschäftigungen, dass sie selber kaum auf die Idee kommen in ein Konzert zu gehen, oder in Theater. Da müssen wir Künstler Wege ausdenken, damit sie persönlich erfahren, wie spannend, wie großartig es sein kann, Musik und Musiktheater hautnah live zu erleben. Ich sehe es durchaus als Auftrag an, dass Musik, Theatern Kunst ganz wichtige Aspekte für eine Gesellschaft sind, und wir, die das wissen, müssen einen Gegenpol zu den neuen Medien setzen. In diesem Sinne möchten wir die Generalprobe von Rhythm in Concert öffnen.

Wäre ein spielerischer Ansatz gegenüber dem sicher anspruchsvollen mit dem Feuervogel nicht bessere Weg, um Jugendliche anzusprechen?

Carsten Schumacher

Die Erfahrungen aus den bisherigen Workshops sind sehr ermutigend. Die Schüler haben durch die Workshops einen ganz anderen Zugang zu dem Werk gefunden. Ich bin gespannt, wie viele von ihnen dann auch in das Konzert kommen werden.

Michael Millard

Weswegen wir da sicher eher Emotionen wecken, die bei einer trockenen Aufführung eines Sinfoniekonzerts nicht so leicht entstünden.

Carsten Schumacher

Wir vermitteln in den Schulen: Die Musik im Feuervogel ist hoch emotional, und die Emotionalität wird auf der Bühne gezeigt. Die meisten Schüler sind nun gespannt, wie das fertige Produkt aussehen wird. Nach der Generalprobe werden die Eindrücke in der Gruppe besprochen. Da alle Teilnehmer den Strawinsky noch nie live erlebt haben, wird die Generalprobe für allen ein Erlebnis sein, zumal auch exotische Instrumente wie das Englischhorn oder das Kontrafagott zu bestaunen sind.

Besteht nicht die Gefahr, etabliertes Publikum zu verlieren, wenn Sie so stark auf die Kooperation mit Schulen setzen?

Michael Millard

Das kann ich mir nicht vorstellen. Das Schul-Projekt bezieht sich sowieso zuvorderst auf die Generalprobe. Wenn danach begeisterte Schüler ins Konzert kommen, hat sicher niemand etwas dagegen.

Carsten Schumacher

Wir wollen ja, dass die Jungen, die wir ansprechen, in Zukunft sich für unsere Angebote interessieren. Darum müssen wir uns verstärkt kümmern. Unser Stammpublikum werden wir deswegen auf keinen Fall vernachlässigen. Aktuell überlegen wir auch, wie wir unser sehr erfolgreiches Champagner Musicale - ein jährlich stattfindendes Konzert des Philharmonischen Vereins - weiterentwickeln können. Wir wollen auch junge Menschen auf Oper, Musical und Operette neugierig machen. Champagner Musicale wird daher von der Schwedin Anna Ryberg moderiert, die in Frankfurt sehr erfolgreich Einführungen für junge Erwachsene unter dem Titel Oper to go anbietet

Sie haben die klassische Moderne angesprochen: Lässt sich überhaupt noch eine Unterscheidung Klassik-Moderne treffen?

Michael Millard

Das Moderne hat manchmal etwas Provozierendes und vielleicht Abstoßendes. Die Musik vom Anfang des 20. Jahrhunderts ist nicht so weit weg, und wird immer noch als modern bezeichnet, aber klassisch-modern.- Weil unsere Hörgewohnheiten sich entwickeln, wirkt das was damals provoziert hat, heute anders auf uns. Wir sind viel offener für Emotionen und Bilder in der Musik dieser Zeit. Beim Feuervogel zum Beispiel hört man die Flügelschläge im Orchester, die man auf der Bühne von den Tänzern sehen kann. Wir ziehen das Publikum in eine theatralische Welt. Für junge Menschen ist das eine perfekte Möglichkeit, Musik zu erfahren.

Carsten Schumacher