Das Beste, was einem Geiger passieren kann

 
HEINZ LINDUSCHKA . 29.8.2018 »Das Beste, was einem Geiger passieren kann« Leihgabe: Wika-Chef stellt Ausnahmeviolinistin Anne Luisa Kramb aus Erlenbach eine Stradivari zur Verfügung – Einst im Besitz von Paganini

HEINZ LINDUSCHKA. 29.8.2018 »Das Beste, was einem Geiger passieren kann«
Leihgabe: Wika-Chef stellt Ausnahmeviolinistin Anne Luisa Kramb aus Erlenbach eine Stradivari zur Verfügung – Einst im Besitz von Paganini

 

Anne wurde im Mai 2000 in Aschaffenburg geboren und erhielt mit sechs Jahren erstmals Violinunterricht an der Hochschule für Musik Würzburg bei Max Speermann. Von 2011 bis 2014 war sie Jungstudentin bei Professorin Susanne Stoodt an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt. Mit Beginn des Wintersemesters 2014/15 nahm sie ihr Pre-College-Studium in der Klasse von Professor Herwig Zack an der Hochschule für Musik Würzburg auf. Zahlreiche Meisterkurse bereichern ihre Ausbildung. Seit Januar 2017 studiert sie bei Antje Weithaas an der Kronberg Academy.

Die junge Geigerin wuchs in Erlenbach auf, legte am Hermann-Staudinger-Gymnasium 2017 ihr Abitur ab und wurde mehrfach erste Preisträgerin von »Jugend musiziert« auf Bundesebene. Als Solistin feierte sie bereits mit zehn Jahren ihren ersten Erfolg beim Mozartfest Würzburg. Die Liste ihrer Erfolge auf Festivals ist höchst eindrucksvoll, darunter zahlreiche 1. Preise. Im April 2016 erreichte sie außerdem als erste deutsche Geigerin seit 14 Jahren das Finale des Internationalen Yehudi Menuhin-Violinwettbewerbs in London. Einen Monat später gewann sie den Internationalen Knopf Wettbewerb für Violine in Düsseldorf.

Ein Höhepunkt in dieser Serie von Erfolgen: Im Juli 2017 hat Anne bei der 2. International Manhattan Music Competition den 1. Preis gewonnen. Diese Auszeichnung schloss ein Preisgeld über 2500 Dollar und – viel wichtiger – einen Auftritt in der Carnegie Hall ein.

Seit Frühjahr 2017 wird Anne in der Violinklasse von Antje Weithaas in Berlin unterrichtet, das zu ihrem neuen Lebensmittelpunkt geworden ist.

ERLENBACH. »Antonius Stradivarius Cremonensis Faciebat Anno 1724« steht auf dem »Zettel« im Halbdunkel des Geigenkorpus, nicht immer ein Zeichen, dass es sich um keine Fälschung handelt. In diesem Fall aber ist alles klar, weil auch drei anerkannte Zertifikate belegen, dass diese Geige tatsächlich 1724 von Antonio Giacomo Stradivari gebaut wurde, der 1644 oder 1648 geboren wurde und 1737 in Cremona starb. Er gilt unumstritten als der weltweit beste Geigenbauer und seine Instrumente sind die wertvollsten Streichinstrumente auf dem Markt.

»The Paganini, Bentinck, Stuck, Sandor Vegh« wird diese Geige genannt und damit sind schon vier der insgesamt 14 lückenlos nachgewiesenen Besitzer des Instruments zwischen 1724 und 2018 genannt.

Gespielt wird ab sofort diese Ausnahmegeige von einer Ausnahmeerscheinung unter den jungen Geigerinnen weltweit, von der 18-jährigen Anne Luisa Kramb, die aus Erlenbach am Main (Kreis Miltenberg) stammt, am dortigen Gymnasium mit 17 Jahren 2017 ihr Abitur abgelegt hat und inzwischen auf eine fast unglaubliche Zahl von Auszeichnungen und Erfolgen zurückblicken kann.

Vor wenigen Tagen überreichte ihr in Trennfurt Alexander Wiegand die Stradivari als Dauerleihgabe. Er ist Geschäftsführer des weltweit agierenden Druck- und Messtechnikunternehmens Wika und Enkel des gleichnamigen Geschäftsgründers Alexander Wiegand. Er verrät, wie man in den Besitz des Instruments kam: »Die Geige wurde 1993 von meiner Mutter Ursula Wiegand erworben. Vorbesitzer war Sándor Végh, ein bekannter Geiger und Dirigent. Zuletzt wurde die Geige von Julia Becker – Konzertmeisterin des Tonhalle Orchester Zürich – gespielt, die auch häufig bei von uns organisierten Konzerten aufgetreten ist.« Seine Motivation: »Da es schon immer unsere Intention war, mit dem Instrument herausragende Talente zu fördern, haben wir uns entschlossen, die Geige Anne Luisa Kramb zur Verfügung zu stellen. Es freut uns natürlich besonders, damit nicht nur ihre schon bisher außerordentliche musikalische Karriere weiter zu beflügeln, sondern auch, dass jemand aus unserer Region dieses Instrument in Zukunft spielen wird.«

Dass Anne Luisa Kramb für die Übergabe der Geige aus Berlin nach Trennfurt gereist ist, versteht sich von selbst: »Die Stradivari von 1724 ist die, auf der Paganini einst gespielt hat, einer der bedeutendsten Geiger überhaupt, deshalb ist es natürlich eine Ehre für mich, auf ihr spielen zu können. Weil die Geige so einen bedeutenden Namen trägt, kann man auch die Geschichte ihrer Besitzer weitestgehend nachverfolgen – darunter viele große Geiger. Diese Geige ist natürlich das Beste, was einem Geiger passieren kann, es gibt wahrscheinlich wenige bessere oder schönere Geigen.

Meine vorige Geige war auch wunderbar, auf eine andere Weise, und auch sie hatte den berühmten Charme alter italienischer Geigen – wobei die jetzige Geige fast 200 Jahre älter ist.« Kein Wunder, dass sie den Leihgebern sehr dankbar ist: »Ich habe als Geigerin natürlich unglaubliches Glück, dass es jemanden wie Alexander Wiegand gibt, der die Geige nicht nur besitzt, sondern sie mir auch noch kostenlos zur Verfügung stellt. Das setzt bei einem so wertvollen, so einzigartigen Instrument großes Vertrauen voraus, für das ich sehr dankbar bin.«

Über den konkreten Wert des Instruments in Euro und Cent will sich Alexander Wiegand nicht äußern. Allerdings weiß man, dass in letzten Jahren Stradivari-Geigen für Millionenbeträge ihre Besitzer gewechselt haben. In Fachkreisen sind die Violinen Stradivaris hochgeschätzt und begehrt. Es heißt, ihr Spiel sei »sehr lebhaft«, sie »flackern«, der Ton »bewegt sich wie ein Kerzenlicht«. Besonders gut soll eine Stradivari im Bereich zwischen 2000 und 4000 Hertz klingen, in dem Klangbereich, in dem das menschliche Gehör am empfindlichsten ist. Die Folge: Selbst ein sehr leise gespielter Ton in einer großen Konzerthalle ist intensiv zu hören, wenn er auf einer Stradivari gespielt wird.

AUFTRITTE IN DER REGION
Man darf sich auf die nächsten Auftritte von Anne Luisa Kramb also noch mehr freuen als bisher. Fest steht, dass sie Anfang November bei den Alzenauer Musiktagen zu hören sein wird und am 30.11. um 19.30 Uhr in der Sulzbacher St. Anna-Kirche zusammen mit dem Pianisten Julius Asal Sonaten von Beethoven und Prokofjew interpretiert. Bereits im September wird sie zum ersten Mal in Russland gastieren, im Oktober spielt sie in der Hamburger Elbphilharmonie, bevor sie anschließend ins Baltikum und nach Irland reist.

 
Anne Luisa Kramb zusammen mit dem Collegium Musicum

Anne Luisa Kramb zusammen mit dem Collegium Musicum

 
Carsten Schumacher